
Zu diesem Gesprächsforum mit dem Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef und dem Publizisten und Juristen Michel Friedmann waren die Oberstufe sowie alle 10. Klassen der Schule am Ried am 21. April 2026 eingeladen – die Aula war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Durch die Veranstaltung führten Lynn Klemann und Lisa Perdok, beide aus der Q-Phase. Als Vertreter der Schülerschaft nahmen Gabrielle Heinze und Quinn Reitz auf dem Podium Platz. Bereits in der ersten Vorstellungsrunde wurde deutlich, dass die beiden Gäste nicht nur einander gut kennen, sondern auch freundschaftlich verbunden sind.
Da für das Gespräch lediglich zwei Schulstunden vorgesehen waren, stiegen die Moderatorinnen direkt in das Thema ein und fragten, wie beide Gäste eine „wehrhafte Demokratie“ definieren würden. Josef erinnerte dabei an die Weimarer Republik, die mit demokratischen Mitteln ausgehöhlt worden sei. Letztlich sei sie auch an der Gleichgültigkeit vieler Menschen gescheitert. Deshalb appellierte er an die Zuhörerinnen und Zuhörer, sich aktiv für Freiheit, Sicherheit und ein selbstbestimmtes Leben einzusetzen. Entscheidend sei es, Haltung zu zeigen.

Friedmann ergänzte, man solle sich schützend an die Seite eines Menschen stellen, wenn dieser angegriffen oder diskriminiert werde. Niemand dürfe darüber entscheiden, wer Respekt verdiene, niemandem dürfe Menschlichkeit und damit Würde abgesprochen werden. Zwar schaffe der Staat durch Gesetze einen rechtlichen Rahmen, doch in konkreten Konfliktsituationen sei auch der Einzelne gefragt. Jede Demokratie – so unvollkommen sie auch sein möge – sei besser als jede Autokratie.
Auf die Frage, wie er mit der AfD in der Stadtverordnetenversammlung umgehe, antwortete Josef, man müsse in Sachfragen sachlich bleiben. Gleichzeitig dürfe man nicht zulassen, dass sich die Partei in eine Opferrolle begebe. Gegen menschenfeindliche Aussagen müsse man sich klar positionieren und Haltung zeigen. Wehrhafte Demokratie bedeute auch, Debatten zu führen, zu streiten und zu verstehen, was andere Menschen bewegt. Zudem müsse der Staat handlungsfähig bleiben und Probleme etwa in den Bereichen Wohnraum, Bildung und Schule entschlossen angehen.

Friedmann erklärte, er habe vor einiger Zeit die CDU wegen ihres Umgangs mit der AfD verlassen. Die Bezeichnung „rechtsextrem“ halte er für eine Verharmlosung – aus seiner Sicht handele es sich um Feinde der Demokratie: „Sie sagen alles, meinen es auch und würden entsprechend handeln“, warnte er. In einem autoritären Staat verliere die Polizei ihre Schutzfunktion. Vielen der anwesenden Schülerinnen und Schüler würde möglicherweise das Bleiberecht abgesprochen, und Menschen mit vielfältigen Lebensentwürfen gerieten unter Druck.
Sein abschließender Appell an die Jugendlichen war daher eindeutig: Demokratie bedeute, zu diskutieren, zuzuhören und zu widersprechen. Oder, wie Friedmann es formulierte:
„Mischt euch ein! Demokratie bittet jeden Menschen: Macht den Mund auf, streitet euch!“
Anschließend waren die Schülerinnen und Schüler selbst gefragt. Einer wollte wissen, ob die AfD nicht zumindest in ihrer Position zum Aufbau einer stärkeren Verteidigungsfähigkeit Deutschlands einen berechtigten Punkt habe. Michel Friedmann wies dies entschieden zurück. Auf solche Debatten dürfe man sich nicht einlassen, da sie aus einer „vergifteten Haltung“ heraus geführt würden und letztlich gegen Menschen gerichtet seien. „Wenn Menschen hassen, dann muss man das ernst nehmen“, mahnte er.

Mike Josef richtete den Blick stattdessen nach vorn: „Lasst uns ein positives Zukunftsbild gestalten!“ Ein Schüler griff diesen Gedanken auf, betonte jedoch, dass es dabei tatsächlich um Zukunft gehen müsse – und nicht nur um die Bewahrung des Status quo. Häufig habe er den Eindruck, dass Politik versuche, eine vermeintlich bessere Vergangenheit wiederzubeleben, und sich zudem zu stark an den Provokationen der AfD abarbeite.
Josef stimmte dem teilweise zu: „Wir haben unsere Probleme, aber wir können sie lösen. Dafür müssen wir Probleme klar benennen und auf unsere eigene Weise bewältigen.“ Es gehe darum, positive Lebensgeschichten zu erzählen und gemeinsam Zukunftsperspektiven zu entwickeln.
Ein zentrales gesellschaftliches Problem sei laut Friedmann nach wie vor, dass die Herkunft von Kindern in Deutschland noch immer maßgeblich über deren Zukunft entscheide. Das sei inakzeptabel. Deshalb appellierte er an die Jugendlichen, ältere Generationen in der Politik nicht einfach gewähren zu lassen, sondern aktiv Druck auszuüben: „Ich möchte, dass Sie sich einmischen – dann besteht die Chance, dass man Sie auch hört.“
Ein wichtiger Pfeiler politischer Bildung sei dabei die Schule, betonte Josef, denn sie bilde die Grundlage für aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger. Er berichtete von seinen eigenen Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystem: Lernen habe ihm immer wieder neue Türen geöffnet und ihm neue Entwicklungsmöglichkeiten geboten. Seine Überzeugung laute deshalb: „Jeder Mensch bringt Chancen mit sich.“
Auf die konkrete Frage, was Frankfurt am Main für Schulen, Kinder und Jugendliche unternehme, verwies Josef auf das kostenlose Kita-Angebot, die dringende Notwendigkeit neuer Schulbauten – möglichst in modularer Bauweise –, da Frankfurt in den vergangenen Jahren stark gewachsen sei. Zudem erwähnte er den Aufbau eines Lernzentrums rund um digitale Medien.
Zum Abschluss stellte ein weiterer Schüler die Frage: „Jede Partei hat auch schlechte Seiten – welche soll ich denn wählen?“ Friedmann antwortete, viele Parteien hätten ihre Aufgaben in den vergangenen Jahren nicht ausreichend erfüllt. Umso wichtiger sei es, sich selbst politisch zu engagieren, mit anderen in den Austausch zu treten und zu diskutieren – ohne sich dabei von Hass leiten zu lassen.
Die eineinhalb Stunden vergingen schnell. Beim Ausklang der Veranstaltung ergaben sich noch zahlreiche kurze Gespräche mit den Gästen, bevor sich die Aula allmählich leerte.